Kann ich mich „dick“ dampfen?

Nicht wenige Liquids enthalten eine süße Note… und viele Selbstmischer nutzen ebenfalls Süßungsmittel, um bestimmte Geschmackskreationen abzurunden. Süße ist ein Faktor, der also im Bereich von E-Liquids sehr wichtig ist.

Da Zucker als Süßungsmittel ausscheidet, kommen verschiedene Ersatzstoffe zum Einsatz. Am verbreitetsten sind Sucralose und Ethylmaltol. Seltener ist Stevia und bei fertigen Liquids wird man Xylit kaum finden, es wird aber verschiedentlich von Dampfern verwendet, die sich ihre Liquids selbst anmischen.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie sich diese Stoffe auf den Stoffwechsel auswirken, ob sie einen Einfluss auf die Insulinproduktion haben… also ob man sich mit süßen Liquids quasi „dick“ dampfen kann oder als Diabetiker ein Risiko eingeht.

Die Befürchtung, süße Liquids könnten sich tatsächlich negativ auswirken, taucht hier und da immer wieder auf und es fällt dann der Begriff „glykämischer Index“ und es wird auf Studien hingewiesen, die belegen sollen, dass Süßstoffe selbst zwar nicht wie Zucker (oder andere Kohlenhydrate) wirken, dem Gehirn aber „vorspielen“ würden, der Körper habe Zucker (oder andere Kohlenhydrate… ich wiederhole das jetzt nicht immer wieder… wenn ich Zucker schreibe meine ich auch andere Kohlenhydrate) zu sich genommen und dadurch würde die Insulin-Produktion angekurbelt.

Diese „Weisheiten“ resultieren aus Artikeln und Veröffentlichungen, die sich zwar nicht auf das Dampfen beziehen, sondern meist auf Diätgetränke oder Diätspeisen, und sind recht weit verbreitet… wenn man sich diese aber genauer anschaut, dann finden sie sich eher auf… na sagen wir mal fragwürdigen „Gesundheitsseiten“. Klar, auch die Mainstream-Presse hat sich ab und an auf dieses Thema gestürzt und haut ab und an einen Artikel raus, der sich auf besagte Studie(n) bezieht. Hier greift aber genau der selbe Effekt, wie wir es auch mit Studien über das E-Dampfen kennen. Die Studien wurden meist nicht gelesen, geschweige denn verstanden… und es wird nur ein vorgefertigter Pressetext oder eine Stellungnahme aus einem wissenschaftlichen Journal wiedergegeben (oftmals auch noch falsch). Wer meint, Journalisten würden sich nur beim Dampfen nicht die Mühe machen, sich mit Studien, über die sie berichten, zu befassen, der irrt ganz gewaltig. Es kommt halt in erster Linie darauf an, Artikel abzuliefern… und am besten Artikel mit einem „sensationellen“ Inhalt (und ebenso sensationeller Überschrift).

Und wenn erstmal was „in der Zeitung steht“, dann wird das ungefiltert und ohne Hinterfragen aufgegriffen, wiedergekäut und als Wahrheit angesehen und weitergegeben.

Genug der Vorrede… übrigens… wenn ich das hier schon so schreibe, wird sich mancher denken können, was meine Recherchen ergeben haben.

Glykämischer Index

Zunächst einmal zum glykämischen Index (GI). Dieser Index ist eine Zahl, welche die blutzuckersteigernde Wirkung eines Lebensmittel angibt, wobei die Referenz 100 durch Glucose vorgegeben ist.

Schaut man nach Werten für die beim Dampfen zum Einsatz kommenden Süßstoffe, so sticht Xylit mit einem GI von 7(!) heraus. Die anderen – auch Stevia – glänzen durch einen Wert von 0.

Ja… aaaber… die Stuuudien…

Ok, dann sollten wir uns die mal anschauen.

Die Studien

Sucralose

Eine Grundlage für Berichte, Süßstoffe würden „dick“ machen ist die Studie Sucralose Affects Glycemic and Hormonal Responses to an Oral Glucose Load (Pepino et al.; 2013)
Wenn man die Studie nicht wirklich liest, sich die Durchführung nicht anschaut, sondern nur mal kurz über die Resultate quer liest, dann könnte man zu dem Schluss kommen, dass Süßstoff (hier Sucralose… also einer der häufig in Liquids eingesetzten Süßstoffe) tatsächlich zu einer erhöhten Insulinausschüttung führt.

Liest man die Studie jedoch genauer, so stellt man fest, dass die Behauptung, „Sucralose führe zu einer erhöhten Insulinausschüttung“, so nicht stimmt. In der Studie wurde einer Gruppe adipöser Probanden, die KEINE Diabetiker waren, nach mehrstündigem Fastens eine Sucralose-Lösung verabreicht. Einer Kontrollgruppe wurde nur Wasser gegeben. Zehn Minuten später wurden dann allen Probanden 75 Gramm Zucker gegeben und anschließend wurde der Insulinspiegel bestimmt. Und es ergab sich, dass der Insulinspiegel der Probanden, die Sucralose VOR der Zuckergabe zu sich genommen haben, etwas stärker angestiegen war, als bei denen, die nur Wasser bekommen hatten. Damit wurde nachgewiesen, dass Sucralose einen Einfluss auf die Insulinausschüttung hat, aber nur wenn man anschließend echte Kohlenhydrate zu sich nimmt (welche die Insulinausschüttung überhaupt erst auslösen). Sucralose ohne unmittelbar anschließende Kohlenhydrateinnahme wirkt sich aber nicht auf die Insulinausschüttung aus. Der Faktor der Erhöhung (des Insulinausstoßes) ist auch nicht so groß, dass es für gesunde Menschen problematisch ist.

Vergleichbare Tests mit gesunden und nicht übergewichtigen Probanden zeigte diesen Effekt im Übrigen nicht (Effects of oral ingestion of sucralose on gut hormone response and appetite in healthy normal-weight subjects.; Ford et al.; 2011)

Sofern man also Sucralose zu sich nimmt und ansonsten bewusst ernährt, ist keine Auswirkung auf den Insulinspiegel zu erwarten. Insbesondere dann nicht, wenn man nicht vorbelastet ist.

Aspartam und Saccharin

Ähnlich durchgeführte Studien mit Aspartam und Saccharin

(Effect of aspartame and protein, administered in phenylalanine-equivalent doses, on plasma neutral amino acids, aspartate, insulin and glucose in man.; Møller, SE; 1991)

(Aspartame ingestion with and without carbohydrate in phenylketonuric and normal subjects: effect on plasma concentrations of amino acids, glucose, and insulin.; Wolf-Novak LC., et al.; 1990)

(Response to single dose of aspartame or saccharin by NIDDM patients.; Horwitz, DL. / McLane, M. / Kobe, P.; 1988)

ergaben vergleichbare Ergebnisse, wobei durch die Forscher eindeutig gesagt wurde, dass der Gesamteffekt extrem gering und damit irrelevant ist.

Acesulfame K

Schließlich wurden noch Studien mit Acesulfame K (das für die Liquidherstellung praktisch keinerlei Bedeutung hat) durchgeführt, jedoch mit zweifelhafter Aussagekraft, was die Wirkung auf den menschlichen Organismus hat. Hier wurden u. a. Tests an Ratten durchgeführt, wobei überhöhte Dosen an Acesulfame K in die Blutbahn injiziert wurde, was dann zu messbaren Effekten führte (erhöhte Insulinsekretion). Acesulfame K kommt in den „Zero-Getränken“ zum Einsatz. Um eine vergleichbare Menge dieses Stoffes zu sich zu nehmen, wie diejenige, die bei den Ratten zu Effekten geführt haben, müsste man knapp sechs 12er Kisten mit Literflaschen Cola Zero am Stück saufen. Bei dem Versuch wünsche ich viel Erfolg!
(The effect of artificial sweetener on insulin secretion. 1. The effect of acesulfame K on insulin secretion in the rat (studies in vivo).; Liang Y et al.; 1987)

Klar kann man den Stoffwechsel einer Ratte heftig durcheinanderbringen… man muss ihr nur so viel vom Untersuchungsmaterial geben, dass der Effekt eintritt… ist fast so wie bei den armen Zellen, die isoliert so lange in E-Dampf-Destillat gebadet werden, bis einige von ihnen verrecken.

Lässt sich also festhalten, dass es durchaus zu einer Gewichtszunahme oder Problemen kommen könnte, wenn man gesüßte Liquids konsumiert UND HINTERHER SOFORT einen großen Topf voll Ringelnudeln frisst. Aber… zu dem „Aber“ komme ich später… 😉

Psycho-Effekt?

Zuerst komme ich noch zu einem weiteren Gerücht… nämlich dass das Gehirn selbst dafür sorgen würde, dass mehr Insulin ausgeschüttet wird, wenn es einen süßen Geschmack wahrnimmt. Nun auch dazu wurde eine Studie durchgeführt, bei der mit verschiedenen Stoffen (Aspartam, Saccharin und Zucker) gesüßtes Wasser lediglich in den Mund genommen und anschließend ausgespuckt wurde. Als Kontrolle gab es auch noch den Versuch mit einem saftigen Stück Apfelkuchen, der aber auch wieder ausgespuckt werden musste (nennt man modified sham-feeding). Und das Ergebnis?
Bei den Wässerchen mit Süßung wurde keine Erhöhung des Insulinspiegels festgestellt… aaaber beim Apfelkuchen sehr wohl… 😀
(Sweet taste: effect on cephalic phase insulin release in men.; Teff, KL. / Devine, J. / Engelman, K.; 1995)

Also kann man getrost auch den Psycho-Effekt „schmeckt süß, macht dick“ ins Reich der Fabeln verbannen.

Das „Aber“

Nun auch noch kurz zum oben angedeuteten „Aber“…

Wer trotzdem noch irgendwo Angst hat, das Dampfen süßer Liquids könnte ihn fett machen oder es gäbe Probleme wegen Diabetes, der sollte sich vor Augen führen, von welchen Mengen Süßungsmitteln wir überhaupt sprechen. Alle genannten Süßstoffe haben ein sehr großes Süßungspotential… man braucht also wenig, um eine ordentliche (und noch erträgliche) Süße zu erreichen. Ein Milliliter eines gesüßten Liquids enthält ca. 1 – 2 mg Süßstoff. Und das wird nicht geschluckt (also nur minimal eine unbedeutende Menge vielleicht über den Speichel), sondern gelangt in die Lunge und wird zu einem großen Teil auch wieder ausgepustet. Wir sprechen hier also echt schon von beinahe homöopathischen Dosen, die dann auch nicht einmal in den Verdauungstrakt geraten (regelmäßiger Konsum größerer Mengen bestimmter Süßstoffe scheint nämlich – so deuten einige andere Studien an – Einfluss auf die Darmflora zu haben, was vielleicht die Ausbildung einer Diabetes begünstigen könnte).

Fazit

Es sieht also nach derzeitigen Stand der Wissenschaft so aus:

Man kann sich nicht einfach „dick“ dampfen! Wenn man allerdings zum Dampfen besagten Kochtopf voll Ringelnudeln frisst, dann nimmt man vielleicht ein paar Gramm mehr zu, als würde man den Topf ohne zu Dampfen wegschaufeln. Ein Diabetiker wird sich den Topfinhalt eh klemmen…

Also Dampfen während der Brigitte-Diät ist KEIN Problem. 😀

Kann ich mich „dick“ dampfen?
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1 Kommentar

  1. Vanilla

    Danke Dir. Interessantes Thema und gut geschrieben. Klasse, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, die Studien herauszusuchen.

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